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Der Respekt schwindet

Pöbeleien und Attacken gegenüber Rettungskräften.

Michael Hofmann, Leiter des DRK-Rettungsdienstes Kreis Coesfeld Foto: Beate Nießen

Lüdinghausen

An der Tagesordnung sind sie in Lüdinghausen glücklicherweise nicht, doch verzeichnen auch hier die Rettungsdienste eine steigende Zahl von Pöbeleien und Angriffen während ihrer Einsätze.

Ihre Aufgabe ist klar: Die Einsatzkräfte des DRK-Rettungsdienstes geben alles, Menschen in Notsituationen zu helfen. Allerdings können sie das nicht mehr so ungehindert tun, wie früher. „Wir stellen seit einigen Jahren fest, dass eine Veränderung in der Gesellschaft stattfindet“, sagt Michael Hofmann, Leiter des DRK-Rettungsdienstes im Kreis Coesfeld. Angriffe auf Kollegen, Pöbeleien und ähnliches kommen inzwischen auch in seinem Zuständigkeitsbereich vor – „nicht jeden Tag, aber es gibt sie“, wie Hofmann deutlich macht. Trauriger Höhepunkt: „Einem Kollegen wurde der Zahn ausgeschlagen.“

Das Rote Kreuz hat reagiert und in die Pflichtfortbildungen für den Rettungsdienst ein Deeskalationstraining eingebaut. „Außerdem haben wir intensiv überlegt, ob auch zusätzliche technische Ausrüstung wie stichsichere Westen oder Reizgasspray erforderlich sind“, berichtet der Leiter des DRK-Rettungsdienstes. Die Entscheidung ist jedoch gegen eine Materialaufrüstung gefallen, „auch deshalb, weil für uns immer der Kontakt zum Patienten im Vordergrund steht“, so Hofmann.

Zum Schutz vor allgemeinen Bedrohungen gibt es zudem eine neue Dienstanweisung. So wird bei jedem Einsatz des Rettungsdienstes zuvor abgefragt, ob die Einsatzstelle sicher und die Polizei vor Ort ist. Sollte das nicht der Fall sein, warten die Rettungskräfte in gebührender Entfernung, bis die Lage geklärt ist.

Auch das Bundeskabinett hat inzwischen auf die zunehmende Gewalt gegenüber den Einsatzkräften reagiert und das Strafrecht verschärft. Wer Polizisten, Feuerwehrleute und Sanitäter im Dienst attackiert, muss mit einer Haftstrafe von bis zu fünf Jahren rechnen.

Für Hofmann stellt die Gesetzesänderung eher eine symbolische Hilfe dar: „Für uns sind solche Übergriffe schwer nachzuvollziehen und zu dokumentieren, weil wir ganz auf den Patienten fixiert sind.“

Bei den Einsatzkräften der Feuerwehr gilt die volle Konzentration ebenfalls der Rettung von Menschenleben sowie Sachwerten. „Bislang können wir unsere Arbeit glücklicherweise ohne größere Belästigungen durch Schaulustige verrichten“, berichtet Wehrführer Günter Weide im Gespräch mit den WN. Allerdings haben auch er und seine Kollegen beim Aufstellen von Sichtschutzwänden schon „dumme Sprüche“ abbekommen.

Woran das liegt? Für Hofmann hat das etwas mit schwindendem Respekt zu tun – „Respekt vor der Arbeit der Polizei, der Feuerwehr und der Rettungsdienste“. Und nach kurzem Innehalten fügt der Leiter des DRK-Rettungsdienstes hinzu: „Die Menschen haben auch immer weniger Respekt vor der dramatischen Situation von Patienten.“

Von Anne Eckrodt

Pressebericht aus den Westfälischen Nachrichten vom 02.03.2017

4. März 2017 18:07 Uhr. Alter: 1 Jahre