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Rettern wird ihre Arbeit erschwert

Nottuln.

Es ist kein leichter Job, aber sie machen ihn gerne – die Mitarbeiter der Rettungswache Nottuln (v.l.): Esther Hidding, Michael Hofmann, Ingo Bröring, Christian Merz, Eva Semler und Patrick Wöstmann. Foto: Iris Bergmann

Sie leisten viel: die fünf Mitarbeiter der DRK-Rettungswache Nottuln. Doch ihre Arbeit wird schwieriger.

„Ich kenne nur wenige Berufe, in denen Helfen einen so schnellen positiven Effekt hat“, sagt Eva Semler und fügt hinzu: „Ich liebe meinen Beruf sehr.“ Sie strahlt. Ihr Beruf? Sie ist Rettungsassistentin des DRK. Eine von insgesamt fünf Mitarbeitern in der Nottulner Rettungswache an der Lise-Meitner-Straße. Sie alle haben es sich auf die Fahnen geschrieben, anderen zu helfen. Doch die Rettungsdienstmitarbeiter stellen auch fest: Ihr Arbeitsalltag wird ihnen zunehmend schwerer gemacht.Eva Semler teilt sich den Dienst in der Rettungswache Nottuln mit ihrer Kollegin Esther Hidding und ihren Kollegen Ingo Bröring, Christian Merz und Patrick Wöstmann. Zwölf Stunden dauert eine Schicht auf der Wache. Zwölf Stunden immer auf der Hut, tagsüber oder auch nachts. Bereit sein für das, was kommt. „Man weiß nie, was einen erwartet“, erzählt die junge Frau. Das kann alles sein, vom Einsatz zu einem Fieberpatienten bin hin zu einem Unfall mit Schwerstverletzten.

Die Zahl der notärztlichen und rettungsdienstlichen Einsätze ist in den letzten Jahren stetig gestiegen, auch im Einzugsbereich Nottuln, weiß Michael Hofmann. Er ist der Leiter des DRK-Rettungsdienstes im Kreis Coesfeld. Sechs Prozent beträgt die Steigerung.

„Der Rettungsdienst ist zum Mädchen für alles geworden“, bedauert Hofmann. Seitdem es nur noch die zentrale Ärztenotdienstnummer gibt und die Patienten nicht immer einen Arzt vor Ort genannt bekommen, werde immer öfter die Notfallnummer 112 gewählt. „Und dann wird auch für Kleinigkeiten angerufen.“ Und „Kleinigkeit“ sei keineswegs herablassend gemeint. Aber: „Wenn jemand den Rettungsdienst wegen Fieber und starken Erkältungsbeschwerden ruft, dann sind wir in dem Moment gebunden und nicht sofort einsetzbar bei lebensgefährlichen Erkrankungen wie einem Herzinfarkt oder Schlaganfall. Da geht unter Umständen wertvolle Zeit verloren.“

Indes: Es ist nicht das einzige Problem, das den Rettern den Dienst erschwert. Zunehmend ist es die Respektlosigkeit und teilweise auch Gewalt, der sie ausgesetzt sind. „Dass wir angepöbelt werden, ist da noch das Geringste“, erzählt Patrick Wöstmann, Rettungssanitäter und Auszubildender zum Notfallsanitäter. Immer wieder komme es vor, dass Menschen, denen sie eigentlich helfen wollen, aggressiv reagieren und die Sanitäter gar attackieren. „Dann geht Selbstschutz vor Erster Hilfe, darauf werden wir geschult“, sagt Eva Semler. Heldentum sei nicht angesagt, sondern bedachtes Handeln. Und das Hinzurufen von Hilfe durch Kollegen oder die Polizei.

Was die Rettungsassistentin und ihre Kollegen aber so richtig sauer macht, sind die Gaffer und Handyfilmer. „Das ist kein schönes Gefühl, wenn man das sieht und weiß, man findet sich im Internet wieder.“ Die Intimsphäre, sowohl des Verletzten als auch der Helfer, werde nicht beachtet. „Die Distanzlosigkeit nimmt zu“, bedauert Michael Hofmann.

Dabei ist die Arbeit, die sie leisten, auch ohne die Sensationsgier oft belastend. Jeder aus dem Team in Nottuln hat sie schon erlebt, die Situation, in der auch ein Rettungssanitäter seelisch an seine Grenzen gelangt: „Wenn du zu einem Unfall kommst und du siehst, wie ein Kleinkind stirbt, dann bist du erstmal fertig.“

In solch besonderen Situationen zeigt sich sehr deutlich, welch großen Stellenwert der Teamgedanke bei den Notfallsanitätern hat. „Das Team ist das Wichtigste überhaupt“, bekräftigen alle fünf. Im Team wird das Erlebte aufgearbeitet, wird abgepuffert, werden die Team­mitglieder aufgefangen.

Die Frage „Ist bei dir alles okay?“ ist keine Floskel. Wer so viel Zeit im Dienst und bei Einsätzen miteinander verbringt, kennt seinen Kollegen, seine Kollegin, hat ein Gespür und Verständnis für das Gegenüber, denn es sitzen alle in einem Boot. Alle machen ihren Job und alle lieben ihn . . .

Von Iris Bergmann

Pressebericht aus der Allgemeinen Zeitung vom 26.08.2017

26. August 2017 13:57 Uhr. Alter: 327 Tage