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Nichtstun ist der einzige Fehler

Zur Woche der Wiederbelebung

Den richtigen Druckpunkt finden, die Hände passend sortieren, dann kann die Herzdruckmassage starten. Der Privatkursus mit DRK-Experte Friedhelm Staar beruhigt das Gewissen. Foto: Isabel Schütte

Ascheberg

Wiederbeleben, Leben retten – die Aktionswoche hat ihr Ziel erreicht. Sie hat eine Frage im Kopf platziert, die ans Gewissen appelliert und sich über Nacht nicht verflüchtigt: Wie reagiere ich, wenn meine Hilfe benötigt wird? Die Antwort gibt ein „Ausprobiert“.

Besteht die Gefahr, mit zu viel Adrenalin im Blut beim Reanimieren alles falsch zu machen?

 

 

Friedhelm Staar zerstreut die erste Sorge bei einem Privatkursus im DRK-Heim Herbern. Wer einen bewusstlosen Menschen findet, macht nur dann etwas falsch, wenn er die Hände über den Kopf zusammenschlägt und nichts tut. „Wir müssen sehen, dass die wichtigsten Organe mit Blut versorgt werden und dafür nutzen wir die Herzdruckmassage“, erklärt der DRK-Experte, der eine Puppe schon bereitgelegt hat. Unermüdlich bietet Staar sein Wissen den Menschen in der Gemeinde Ascheberg an: „Der Herztod ist die häufigste Todesursache. Jährlich sterben 200 000 Menschen nach einem Herzinfarkt“, berichtet Staar und fügt an, dass schnelle Hilfe diese Zahl reduzieren kann.

Wiederbeleben ausprobiert

Die erste Reaktion beim Auffinden eines bewusstlosen Menschen ist das Holen von Hilfe über den Notruf 112. Und dann gilt es, schleunigst mit der Herzdruckmassage zu starten. Staar weist mir einen Platz seitlich neben der Puppe in Höhe des Brustkorbes zu. „Der Brustkorb muss komplett freigelegt werden, auch bei Frauen“, macht Staar klar, dass beim Kampf ums Leben Anstandsgefühle fehl am Platz sind. Das Aufknöpfen ist leicht, doch dann geht es schon los. Wo ist der richtige Druckpunkt? Richtig ist die Mitte des Brustkorbes auf dem unteren Drittel des Brustbeins. Und jetzt die Faust aufsetzen? Staar hält die Hände übereinander. Die Finger der rechten Hand greifen in die Fingerlücken der linken – andersherum würden die Hände zum Gebet gefaltet.

30 Druckmassagen am Stück

Der Handballen der linken Hand wird auf den Druckpunkt gesetzt. Und dann geht es los. „Arme durchstrecken“, kommt ein Korrekturkommando. „Die Schultern wiegen“, lautet der zweite Hinweis. Weil vor mir eine Puppe liegt, drücke ich kräftig zu. Tatsächlich muss das Brustbein fünf bis sechs Zentimeter tief eingedrückt werden. Erstaunlich schnell findet sich ein Rhythmus. Der Experte schweigt. Dann scheint es richtig zu sein. Allerdings wird es anstrengend, denn 100 bis maximal 120 Kompressionen sind pro Minute optimal. Notwendig sind 30 Druckmassagen am Stück. Dann folgt ein zweimaliges Beatmen. Dazu wird der Kopf nach hinten geneigt, dann Kinn angehoben und vorgezogen, damit der Mund sich öffnet.

Die Nase wird mit Daumen und Zeigefinger zugehalten. Dann atme ich kräftig ein, lege die Lippen dicht um den Mund und blase die Luft kräftig in die Puppe. „Stop“, schüttelt Staar den Kopf: „Das war zu viel, da geht überschüssige Luft in den Magen. So bläst du den Patienten auf.“ Also: Normal einatmen, eine Sekunde lang die Luft gleichmäßig in den Mundraum blasen und zum Brustkorb sehen, der sich hebt. Beim seitlichen Einatmen richtet sich der Blick auf den Brustkorb, der sich senkt und ich beatme die Puppe ein zweites Mal.

Und damit sind die beiden Dinge fürs Wiederbeleben klar: 30 Mal Herzdruckmassage, zwei mal Beatmen und diesen Wechsel durchhalten bis zum Eintreffen der Sanitäter. Auf die Frage, ob die Kräfte nicht erlahmen, beantwortet Staar mit einem Kopfschütteln: „Da wachsen die Leute über sich hinaus. Oft passiert das im privaten Bereich und es geht um einen Angehörigen.“ Bei Kindern reicht einmal einatmen übrigens für zwei bis drei Beatmungen, bei Säuglingen für fünf.

Im öffentlichen Raum gibt es zunehmend technische Helfer: Defibrillatoren sind in den drei katholischen Kirchen, den Turnhallen in Herbern und Davensberg sowie der Nordkirchener Straße in Ascheberg zu finden. Im Ascheberger Rathaus hängt ein Gerät, in Herbern auch bei Euroroll, Release und im Hotel Wolfsjäger. „Damit haben wir schon ein Menschenleben gerettet“, wirbt Staar für weitere Defis, die im Notfall zugänglich sind. Sie nehmen den Helfer an die Hand und erklären Schritt für Schritt, was zu tun ist. Allerdings ist auch hier die Herzdruckmassage mit dem Beatmen unerlässlich.

Das Üben gibt ein gutes Gefühl, die Frage ans Gewissen hat sich verflüchtigt. Wer glaubt Nachholbedarf zu haben, darf sich über die DRK-Ortsvereine gerne an Friedhelm Staar wenden: „Ob Vereine, Gruppen oder Nachbarschaften. Wenn man mich ruft, bin ich da.“ Schließlich hat Staar mit seinem Wissen schon Leben gerettet.

Von Theo Heitbaum

Pressebericht aus den Westfälischen Nachrichten vom 23.09.2016

25. September 2016 17:20 Uhr. Alter: 2 Jahre