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„Einfach nette Jungs“

Bei den Mauritzer Franziskanerinnen leben jugendliche Flüchtlinge.

Lüdinghausen

 

Nonnen, die mit Jugendlichen unter ei­nem Dach wohnen. Alt trifft Jung, Christen auf Muslime. Es ist schon ein ungewöhn­liches Experiment, das seit ein paar Monaten im Konvent der Mauritzer Franziskanerinnen in Seppenrade bei Lüdinghausen läuft.

Im Josefshaus, dem Seniorenheim der Gemeinschaft, leben 28 Ordensfrauen – und derzeit 36 jugendliche Flüchtlinge, die alleine nach Deutsc hland gekommen sind. Die meisten von ihnen stammen aus Afghanistan.

Dass die Nonnen den Schritt gegangen sind, ist mutig, dass das Miteinander unkompliziert und reibungslos verläuft, bemerkenswert. Außergewöhnlich aber ist der Pragmatismus, der dem Projekt von Anfang an innewohnt. „Bürokraten machen Lösungen oft schwer“, sagt Christoph Schlütermann vom DRK-Kreisverband. Das Rote Kreuz trägt die Einrichtung. Quasi den Ritterschlag bekam die besondere Flüchtlingsunterkunft unlängst von hoher Stelle: NRW-Schul­ministerin Sylvia Löhrmann und Integrationsminister Rainer Schmeltzer besuchten den Konvent. Und ließen viel Lob zurück.

Wenn man ehrlich ist, muss man natürlich sagen, dass es mehr ein Neben­einander von Flüchtlingen und Nonnen denn ein Miteinander ist. Das DRK hat eine Etage im Konvent angemietet und kümmert sich um die jungen Leute. Kontakte mit den Ordensfrauen sind eher sporadisch, man begegnet sich halt jetzt, da das Wetter besser wird, oft auf dem Hof oder im Garten.

Dennoch: Wenn die eine über die andere Seite spricht, klingt Respekt an und Freude am Gegenüber. „Es ist einfach schön, dass die jungen Leute da sind“, sagt Schwester Irmgard. „Das sind einfach nette Jungs.“ Vier von ihnen sitzen mit am Tisch – und müssen das Kompliment natürlich zurück­ge­ben. „Die Schwestern sind sehr liebevoll“, sagt einer.

Dass es die 36 Jugend­lichen gut getroffen haben, liegt auf der Hand. Dass es die Ordensfrauen als völlig normal erachten, die Jugendlichen aufgenommen zu haben, ist nur auf den ersten Blick erstaunlich. „Not kennt kein Gebot“, sagt Schwester Irmgardis, die Ökonomin der Mauritzer Franziskanerinnen. Und ergänzt dann erfrischend pragmatisch: „Uns Ordensleuten ist es ja nicht fremd, soziale Auf­gaben wahrzunehmen.“

Nach Merkels Machtwort hatte im Herbst 2015 ein Flüchtlingsstrom eingesetzt. Zigtausende kamen, darunter auch viele unbegleitete ­Min­derjährige, die von den Jugendämtern in Obhut ­ge­nommen wurden. Im ­Ok­tober waren die Behörden dann an die Franziskanerinnen ­herangetreten. Im Konvent sei doch Platz frei, ob dort nicht kurzfristig …?

Was dann passierte, überraschte nicht nur den Verwaltungsleiter der Mauritzer Franziskanerinnen, Ludger Prinz, sondern auch den Landrat des Kreises Coesfeld, Dr. Christian Schulze Pellengahr. „Ich bin seit 27 Jahren im Beruf“, sagt Prinz. „Aber dass man montags etwas beschließt, dienstags einen Ortstermin hat und schon mittwochs losgelegt wird, habe ich noch nicht erlebt.“

Für den Landrat, der vor ein paar Tagen vorbeischaute, zeigt das Beispiel des ­Josefshauses, „wie man mit so einer Situation umgehen kann“. Darüber hinaus dokumentiere der unkonventionelle Einsatz aber auch, „wie viel Potenzial eigentlich in der Gesellschaft steckt“.

Ordensleute und Flüchtlinge, das scheint jedenfalls zu funktionieren. In Seppenrade, in Borken bei den Schönstätter Marienschwestern – und demnächst möglicherweise auch in Nottuln. Dort laufen Gespräche mit der Kongregation der Schwestern Unserer Lieben Frau.

Von Elmar Ries

Pressebericht aus der Allgemeinen Zeitung vom 29.03.2016

1. April 2016 11:30 Uhr. Alter: 2 Jahre