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Kein Gepäck und keine Heimat

Flüchtlinge trafen in Seppenrade ein.

Seppenrade

 

Die ersten Flüchtlinge trafen gestern in der Notunterkunft in der Dorfbauerschaft ein. Es handelt sich bei ihnen in erster Linie um Menschen aus Syrien, Libanon, Irak und Iran. Insgesamt sollten gestern 71 Menschen eine erste Bleibe in der Notunterkunft bekommen.

20 Kilo Freigepäck stellt für manchen Urlauber ein Problem dar. Die Flüchtlinge, die gestern in Seppenrade eintrafen, hatten diese Sorge nicht. Ein kleiner Rucksack, eine Reisetasche, vielleicht ein Koffer. Das waren die Habseligkeiten, mit denen die Menschen aus dem Orient oder dem Balkan in der ehemaligen Fernmeldestelle der Bundeswehr eintrafen. „Den Rest haben wir irgendwo auf der Flucht verloren“, erklärte Hamid aus Syrien, der mit seinen fünf Familienmitgliedern, darunter auch einem Kleinkind, den gefahrvollen Weg nach Europa angetreten hatte. „Aber das ist egal“, so der 36-Jährige in fließendem Englisch. „Viel schlimmer, ist, dass wir unser Land verloren haben. . .“

Es war kurz nach 16 Uhr, als die ersten Flüchtlinge in der Dorfbauerschaft eintrafen. Eigentlich handelt es sich um eine Landeseinrichtung, in der die Flüchtlinge eine erste Bleibe finden sollen. Die Arbeit vor Ort wurde jedoch vom DRK, der Stadt Lüdinghausen und der Feuerwehr übernommen. Heimische Handwerker hatten in wenigen Tagen die eingemottete Bundeswehreinrichtung „entmottet“. Bürgermeister Richard Borgmann, DRK-Vorsitzender Jo Weiand und DRK-Kreis-Vorstand Christoph Schlütermann waren zur Begrüßung der Flüchtlinge gekommen. Sie erlebten Menschen, die geduldig und dankbar die Aufnahme-Prozedur über sich ergehen ließen. An jeder Schlange vor einer Aldi-Kasse ist mehr Tohuwabohu.

50 Menschen kamen mit dem ersten Bus. Ein zweiter sollte am späten Nachmittag kommen – mit weiteren 21 Flüchtlingen wie Hassan und Abed Mohammed aus Syrien. Die beiden Brüder hatten mit Freunden vor zehn Tagen die Flucht aus ihrem Heimatland angetreten und waren mit dem Boot in die Türkei gekommen. Anschließend ging es auf dem „klassischen“ Weg über den Balkan nach Österreich und dann nach Dortmund. Von dort wurden sie – wie die übrigen Reisenden – nach Seppenrade gebracht.

„Heute gibt es sogar Listen“, frotzelte Schlütermann darüber, dass man bei anderen Flüchtlingsgruppen im Kreis schon mal unwissender war. Er machte keinen Hehl daraus, dass die Organisation von oben nach unten alles andere als optimal läuft.

Für die Menschen aus Syrien, Libanon, Irak, Albanien, Iran, Bosnien-Herzegowina und einem Nigerianer stand gestern neben der namentlichen Erfassung zunächst einmal ein Gesundheits-Check an. Vier ärztliche Teams nahmen die Ankommenden unter die Lupe. „Es kann sich dabei nur um eine erste Inaugenscheinnahme handeln. Da verlasse ich mich schon auf meine Erfahrung als Allgemeinmediziner“, so Dr. Jörg Mergen­thaler, einer der beteiligten Ärzte. Angesichts der Tatsache, dass die Menschen in der Erstaufnahmestelle sehr dicht zusammenleben, sei eine Gesundheitskontrolle besonders wichtig. Bisher, so berichtete Michael Hofmann, Leiter des DRK-Rettungsdienstes, seien jedoch keine gravierenden Erkrankungen entdeckt worden.

Die Verständigung mit den Flüchtlingen war natürlich ein Problem. Nur wenige sprechen Englisch. Ali Osmann aus Dülmen, der ehrenamtlich als Übersetzer aushalf, war gestern ein gefragter Mann.

Von Werner Storksberger

Pressebericht aus den Westfälischen Nachrichten vom 22.09.2015

23. September 2015 18:31 Uhr. Alter: 3 Jahre