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„Eine super Gemeinschaft“

Erstaufnahmeunterkunft in der Hauptschule.

Nottuln

 

Das ehemalige Hauptschulgebäude ist zurzeit Wohnsitz für Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind. Der DRK-Kreisverband führt hier eine Erstaufnahmeunterkunft.

Mitten im Gespräch klingelt Sebastian Schlößers Handy. „Oh, Entschuldigung, da muss ich ran. Das ist die Bezirksregierung.“ Er tritt ein wenig zur Seite. „Nein, wir haben zurzeit 110 Gäste.“ – „Aha, okay. Und wann kommt der Bus?“ – „Ja, gut. Tschüss.“ Schlößer setzt sich wieder. „Wir bekommen heute irgendwann 30 oder 40 neue Gäste“, erklärt er. Genauer könne man ihm das nicht sagen. „Das ist der Alltag“, zuckt er mit den Schultern. Schlößer ist die Ruhe selbst. Er ist beim DRK-Kreisverband angestellt und leitet die Erstaufnahmeunterkunft für Flüchtlinge in der ehemaligen Geschwister-Scholl-Schule. Keine leichte Aufgabe, aber Schlößer beklagt sich nicht. „Unsere Gäste bilden eine super Gemeinschaft, da bekommt man so viel zurück.“

Die Nottulner Erstaufnahmeunterkunft, deren Träger das Land NRW ist, wird vom DRK-Kreisverband Coesfeld im Auftrag der Bezirksregierung betreut. „Wir nehmen die Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in Deutschland hier auf, erfüllen ihre Grundbedürfnisse nach Essen, Trinken, einem Platz zum Schlafen. Außerdem sorgen wir dafür, dass sie medizinisch und sozial versorgt werden“, erklärt DRK-Vorstand Christoph Schlütermann. Gesorgt wird etwa für den Bustransfer zum Flughafen Münster-Osnabrück, wo die Flüchtlinge registriert werden und ihre „Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchende“, die Voraussetzung für ein Asylverfahren, erhalten.

Hat der Asylsuchende seine Bescheinigung, kann er einer Kommune zugewiesen werden. Den Transfer dorthin organisiert das DRK ebenfalls. Anfangs dauerte eine solche Zuweisung lange, sodass die Flüchtlinge sechs oder acht Wochen in Nottuln blieben. Jetzt läuft vieles schneller, sodass die Gäste in der Regel nach anderthalb Wochen die Unterkunft in Richtung der ihnen zugewiesenen Kommune verlassen. „Dieser schnelle Umschlag ist ja gewollt und richtig, er bedeutet für unsere Mitarbeiter aber auch deutlich mehr Aufwand“, weiß Schlütermann um beide Seiten der Medaille.

Die ärztliche Untersuchung der Neuankömmlinge erfolgt sofort bei deren Eintreffen in der Hauptschule. „Es soll dann vor allem auch abgeklärt werden, ob ansteckende Krankheiten vorliegen“, erklärt Sebastian Schlößer. Das ist etwas, was man in einer Unterkunft, in der bis zu 150 Menschen leben, am allerwenigsten gebrauchen kann. Auch Tuberkulose soll durch Röntgen innerhalb von 48 Stunden ausgeschlossen werden.

„Viele kommen mit einer Erkältung hier an“, sagt Schlößer im Blick auf das nass-kalte Wetter dieser Tage. „Vor allem die Kinder sind oft krank. Für die ist das alles besonders schlimm, weil sie nicht verstehen, was da gerade geschieht.“ Am Anfang seien vor allem einzelne junge Männer gekommen. „Die konnten sich am schnellsten durchboxen. Und sie sind auch als erste geflüchtet, um nicht in den Kampf ziehen zu müssen“, weiß Schlößer aus vielen Gesprächen. Inzwischen kommen immer häufiger Familien mit Kindern.

Ein Kunststück, sagt Christoph Schlütermann, sei die Unterbringung der Menschen in den Klassenräumen. Da ist Rücksicht zu nehmen auf die Nationalität (in Nottuln kommen die meisten zurzeit aus dem Raum Syrien und Irak), auf die Religion und das Geschlecht. Auf diese multikulturellen Hintergründe sind die DRK-Mitarbeiter geschult worden, auch auf das Asylrecht und die vernünftige Ansprache der Menschen.

Elf Mitarbeiter hat das DRK in Nottuln im Einsatz, rund 200 sind es in den acht Einrichtungen, die es kreisweit betreibt und in denen rund 1500 Flüchtlinge betreut werden. „Wenn man weiß, dass es im Regierungsbezirk Münster insgesamt 48 Unterkünfte gibt, sieht man, dass wir da ganz weit vorne sind“, sagt Schlütermann. „Diese Aufgabe ist die spannendste der letzten Jahre für uns. Aber hier zeigt sich auch, wie stark wir sind.“ Das vor allem, „weil wir gesegnet sind mit Ehrenamtlichen aus unseren Ortsverbänden“. Gerade der Nottulner Ortsverband, lobt Schlütermann, sei immer zur Stelle.

Darüber hinaus sind rund 100 Nottulner Bürger ehrenamtlich in der Unterkunft tätig, geben Deutschunterricht (wir berichteten), helfen bei der Essensausgabe. In Hygiene geschult hat sie Rotkreuzleiterin Agnes Schürkötter, koordiniert wird die Arbeit von Carola König von der Gemeinde. „Die Dienstpläne für so viele Helfer zu führen, das könnten wir zusätzlich gar nicht leisten“, ist Sebastian Schlößer dankbar.

Toll sei, dass viele Flüchtlinge, die schon in der Unterkunft leben, sehr hilfsbereit sind, sagt Schlößer. Sie erleichtern den „Neuen“ den Start, werden auch mal als Dolmetscher tätig. Überhaupt sei die Atmosphäre sehr gut und friedlich. Dafür sorgen nicht nur Schlößer und sein Team, die den Gästen mit Freundlichkeit und Wertschätzung entgegentreten, sondern auch der Wachdienst Bremen aus Gelsenkirchen, der wie das DRK im Auftrag der Bezirksregierung arbeitet. Im und um das Haus herum sorgen die Wachleute für die Sicherheit. Und das bestimmt, aber sehr freundlich. Schichtleiter Carsten Rehmann: „Früher war Security was für Muskelprotze, heute ist das vor allem Kopfsache.“ Deeskalation statt Druck und Drohung. „Wir haben ein gutes Gefühl“, lobt Schlößer die gute Zusammenarbeit mit dem Wachdienst.

Die Security-Leute müssen aber auch aufpassen wie die Luchse, denn bei der großen Zahl der ehrenamtlich Tätigen und anderen Besucher, kann man schon mal den Überblick verlieren. Deshalb muss sich jeder registrieren lassen, wenn er die Hauptschule betritt. „Aber das nehmen wir gerne in Kauf, denn wir freuen uns, dass wir in Nottuln ein so offenes Haus haben“, sagt Christoph Schlütermann. „Mit Offenheit fängt Integration an.“

Von Frank Vogel

Pressebericht aus den Westfälischen Nachrichten vom 17.10.2015

18. Oktober 2015 18:19 Uhr. Alter: 3 Jahre