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2,06 Meter verschaffen Respekt.

Alltag in der Notunterkunft in Seppenrade.

Seppenrade

 

Seit eineinhalb Wochen leben die Flüchtlinge in der Notunterkunft in Seppenrade. So langsam stellt sich bei den 145 Bewohnern der Alltag ein. Felix Rusche, hauptamtlicher DRK-Mitarbeiter, leitet die Einrichtung. „Da muss man flexibel sein“, umschreibt er die täglichen Aufgaben.

„So langsam wird man ruhiger“, versichert Felix Rusche. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Formulare, Schriftstücke, handgeschriebene Zettel. An der Wand hängt ein Brett mit mehreren Dutzend Schlüsseln. Das Handy klingelt, ständig klopft es an der Tür seines Bürocontainers. Aber Rusche bleibt gelassen. In der Notunterkunft in der Seppenrader Dorfbauerschaft ist mittlerweile der Alltag eingekehrt. „Es läuft“, versichert Rusche. „Aber wenn du nicht flexibel bist, ist das hier der falsche Job für dich“, versichert der hauptamtliche DRK-Mitarbeiter, der die Einrichtung leitet.

Am Donnerstagabend kam ein Bus mit gut 50 Flüchtlingen an. Zwar war er am Nachmittag angekündigt worden, mehr Infos gab es aber nicht. „Ernst wird es, wenn der Busfahrer ankündigt, dass er losfährt.“ Um 21 Uhr traf der Bus in Seppenrade ein, dann mussten die Betten auf Familien, Frauen, Männer oder Alleinreisende verteilt werden. „Kein leichtes Unterfangen“, so Rusche. Die Einrichtung ist für 150 Flüchtlinge kalkuliert. Je voller sie ist, desto weniger Spielraum hat man, so Rusche.

Achteinhalb Stunden beträgt seine Arbeitszeit, theoretisch. „Nachts stell ich das Handy nicht ab“, plaudert der schlaksige 24-Jährige über seinen Alltag. Wenn nachts das Mobiltelefon klingelt, muss es sich nicht immer um dramatische Ereignisse handeln. „Vieles kann ich auch telefonisch klären“, aber einen Achteinhalb-Stunden-Tag hat Rusche nicht. Und was ihn bei Dienstantritt erwartet, weiß er auch nie. Aktuell ist das Essen bei den Flüchtlingen ein Thema. „Rotkohl mit Klöße kam nicht gut an“, schmunzelt der DRK-Mitarbeiter, dem zehn Betreuer zur Seite stehen. Und wenn dann mit den Flüchtlingen über ein solches Problem „etwas intensiver“ diskutiert wird, kommt ihm seine Größe von immerhin 2,06 Meter schon mal entgegen. „Ansonsten muss ich mir mit meinen 24 Jahren gelegentlich den Respekt erarbeiten. Ich lerne jeden Tag dazu.“ Zurück zum Essen: „Wir arbeiten mit dem Hersteller gut zusammen. Der will seine Menüs auch umstellen – mehr Reis und Gemüse“, versichert Rusche. Beim Frühstück ersetzten Honig, Marmelade und Nutella mittlerweile Wurst und Käse. Fladenbrot ist mittlerweile auch im Angebot.

Bürokratie ist ein anderes Thema, mit dem sich Rusche und die Flüchtlinge herumschlagen müssen. „Die Leute sind deutlich weniger Bürokratie gewohnt“, schmunzelt der „Heimleiter“ über die Probleme, die die Bewohner mit der Zettelwirtschaft haben. Aber auch er muss sich daran gewöhnen – sieht aber auch manche Dinge recht unkonventionell. So stand gestern ein Mann vor dem Tor, der einen jungen Verwandten, der gerade aus Syrien gekommen war, übers Wochenende nach Essen abholen wollte. „Die Menschen dürfen sich bei uns frei bewegen“, begründete er die Genehmigung für den „Wochenendausflug“, nachdem die Personalien des Gastgebers ausgetauscht waren.

Zur Routine in der Notunterkunft gehören die täglichen Transporte zum Krankenhaus, wo alle Flüchtlinge geröntgt werden. Demnächst steht dann noch die Registrierung am Flughafen in Münster auf dem Programm. Dann könnte Bewegung ins Heim kommen, denn danach erfolgt die eigentliche Zuweisung an die Kommunen.

„Die Leute sind froh, dass sie ein Dach über dem Kopf haben“, beschreibt Rusche die aktuelle Stimmungslage der Flüchtlinge. Er erwartet aber auch, dass sich früher oder später der Lagerkoller einstellt. Daher ist er für jede Ablenkung dankbar. Bei Fortuna kümmert sich Heinz Knust mittlerweile um Flüchtlings-Kicker, Marina Hirsch zeigt den Flüchtlingen Seppenrade, und bald kommt auch ein Fernsehgerät. Ein anderer Wunsch vieler Flüchtlinge geht ebenfalls in Erfüllung: Bald gibt es freies W-LAN an der alten Funkstation.

Von Werner Storksberger

Pressebericht aus den Westfälischen Nachrichten vom 03.10.2015

4. Oktober 2015 15:03 Uhr. Alter: 2 Jahre