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In der Zeltstadt geht‘s familiär zu

Erstes Camp-Baby geboren.

Vinnum

 

Seth strahlt übers ganze Gesicht, als er auf dem großen Platz zwischen den Zelten Einrichtungsleiter Denis Kolakovic entgegenkommt. „Congratulation!“ ruft der und umarmt den Flüchtling aus Nigeria. „It‘s a girl!“ – es ist ein Mädchen, erzählt der junge Mann voller Stolz. Sein erstes Kind. Vor drei Tagen ist seine Frau ins Krankenhaus gekommen. Und wie heißt die Kleine? „Mirabel!“ „Unser erstes Camp-Baby“, freut sich Kolakovic mit ihm. Familiär geht es zu in der Zeltstadt auf dem alten Ziegelei-Gelände in Olfen-Vinnum. Jetzt zwischen den Jahren besonders. Denn von den insgesamt 300 Plätzen sind nur 71 belegt. „Erst am 4. Januar sollen neue Flüchtlinge zugewiesen werden“, berichtet Vorstand Christoph Schlütermann vom DRK-Kreisverband, der im Auftag des Landes mittlerweile acht solcher Erstaufnahmeeinrichtungen und auch eine für unbegleitete Minderjährige betreibt. Die DRK´ler machen ihre Aufgabe offenbar so gut, dass Flüchtlinge, die schon auf Städte und Gemeinden weiterverteilt wurden, zurückkamen. Rund 200 solcher Rückkehrer hat er schon gezählt. Doch die seien nicht wieder aufgenommen, sondern wiederum zurückgeschickt worden. Schlütermann: „Wir müssen darauf achten, dass das Asylverfahren eingehalten wird. Da kann sich nicht jeder sein Hotel selber aussuchen.“

Um Punkt 12 Uhr gibt’s Mittagessen im Verpflegungszelt. Wie die anderen hat auch dieses vor ein paar Tagen feste Wände statt der Planen bekommen. „Die isolieren noch ein bisschen besser“, erläutert Kolakovic. Drinnen ist es muckelig warm. Und auch als es draußen schon kälter war, habe es mit der Heizung keine Probleme gegeben. Da macht er sich auch im Hinblick auf den vielleicht doch noch kommenden Winter keine Sorgen. Nur Sturmwarnungen hatten Ende November einmal dafür gesorgt, dass die Zeltstadt für zwei Tage evakuiert werden musste. „Wir haben die Bewohner sicherheitshalber nach Nordkirchen gebracht.“

Bei der Essensausgabe wird hinter den Namen der Erschienenen ein Haken gemacht. „Nicht nur, damit sie nicht zweimal kommen“, lacht Kolakovic. Nein, über diese Listen erhalte er auch Auskunft darüber, wer sich tatsächlich noch im Lager aufhält. Denn bringt ein Bus Neue, dauert es nicht lange, und der Schwund setzt ein. „Etwa ein Drittel bleiben nicht, sondern ziehen auf eigene Faust weiter“, so der Einrichtungsleiter. Sie wollten zu anderswo untergebrachten Angehörigen oder auch weiter in andere Länder wie Schweden.

Bei einem Rundgang zeigt Kolakovic die Einrichtungen des Camps – von den Duschen über die Kleiderkammer bis zum Arzt-Zelt. Während Kinder mit Helfern auf dem Platz Fußball spielen, sitzen Erwachsene in der Dezembersonne auf Bänken vor den fünf Wohnzelten. Syrer, Afghanen, Iraker, Marokkaner, Nigerianer und Iraner sind es zurzeit, die in der Zeltstadt mit ihren insgesamt zehn Zelten Aufnahme gefunden haben. Obdach, Gesundheit, Hygiene und Essen – das sind die Grundbedürfnisse, die dort befriedigt werden sollen. Doch vor allem durch das Engagement Ehrenamtlicher geschieht in Vinnum sehr viel mehr. Es gibt, abgeteilt in einem Zelt, einen kleinen Kindergarten. Fürs Fernsehen steht ein Beamer bereit. Ein Billardtisch und zwei Kicker wurden gespendet.

An einer Wand im Speise-Zelt hängt eine Tafel. Jeden Abend versammelt sich davor fast die gesamte Zeltstadt-Gemeinde, um am Deutschunterricht teilzunehmen. „Viele sind sehr ehrgeizig“, berichtet der 34-jährige Politologe. Besonders die Kinder. Wie zum Beweis kommt ein vielleicht sieben- oder achtjähriges syrisches Mädchen herbei. „Wie geht es Dir?“ fragt sie den Reporter in fast akzentfreiem Deutsch. Und ihre kleine Schwester beginnt mit den Fingern zu zählen: „Eins, zwei, drei...“ Bis zehn kommt sie schon. Kolakovic lacht. „Die Kinder sind die Zukunft“, sagt er. Für die alles zu tun, lohne sich. „Während sich die Eltern in den Zelten um Kleinigkeiten streiten, spielen sie draußen zusammen.“ Wenngleich er viel Verständnis dafür hat, dass es auf so engem Raum auch mal Reibereien gibt. „Die Familien haben kaum Intimsphäre.“ Die Kinder sind auch ein Motivationsschub für ihn, den Job möglichst gut zu machen. In ihnen spiegelt sich ein Stück weit seine eigene Lebensgeschichte: Kolakovic ist als Kind eines Bosnien-Kriegsflüchtlings und einer Deutschen in Deutschland geboren und aufgewachsen.

Von Detlef Scherle

Pressebericht aus der Allgemeinen Zeitung vom 30.12.2015

30. Dezember 2015 14:01 Uhr. Alter: 2 Jahre