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Die Welt in der Herberge „Geschwister Scholl“.

Nottuln

 

Unsere Mitarbeiterin Ulla Wolanewitz verbrachte eine Nacht in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge.

Wo befreundete Wege zusammenlaufen, da sieht die Welt für eine Stunde wie Heimat aus! So formulierte es Hermann Hesse. Tatsächlich ist Heimat ein Wort, das keine vergleichbare Entsprechung in anderen Sprachen hat. Heimat, Herberge und Zuhause sind allesamt Begriffe, die bei uns – gerade auch zu Weihnachten – eine besondere Bedeutung haben. Nicht zuletzt, weil sie eng verbunden sind mit Geborgenheit und Sicherheit.

Wie ist es, die Heimat zu verlieren? Um das herauszufinden, gehe ich dorthin, wo die Menschen leben, die gerade alles zurücklassen mussten. Zu denen, die dem leuchtenden Stern folgten, der Frieden und Freiheit verspricht. In der Hoffnung auf einen Neustart in einer anderen, vielleicht besseren Welt. In einer Welt, in der es jedenfalls keinen Krieg und keine Folter gibt. Ich checke für eine Nacht in der Erstaufnahmeunterkunft Hauptschule ein, in der Herberge „Geschwister Scholl“.

Hier leben derzeit 160 Menschen, darunter 43 Personen unter 16 Jahren. Menschen aus Nationen, deren Sprache ich nicht verstehe. Die meine Sprache nicht sprechen.

Vom Chef des Hauses, Einrichtungsleiter Sebastian Schlößer, bekomme ich mein „All-inclusive-Bändchen“, mit der Nummer 630 und meinem Namen. „Nummerierung hat bei uns in Deutschland vielleicht einen schlechten Beigeschmack“, sagt er. „Es macht aber vieles einfacher. Die Namen sind oft kompliziert und für uns teilweise schwierig auszusprechen. Um Gleiche unter Gleichen zu sein, tragen wir die Armbänder auch.“

Die Aufregung ist groß an diesem späten Montagnachmittag. Ein 13-Jähriger ist verschwunden. Die Eltern sind in großer Sorge. Die Situation beruhigt sich nach 90 Minuten, als der junge Mann ganz tiefenentspannt wieder auftaucht. Er hatte sich zum Deutschunterricht gesellt, und ganz vergessen, Bescheid zu geben.

„Um in einem fremden Land klarzukommen, muss man die Sprache lernen“, sagt Hans Pohl. In wenigen Wochen wird der Vollblut-Pädagoge 80 Jahre alt. In den 70er-Jahren unterrichteten er und seine Frau hier an der Geschwister-Scholl-Schule. Heute gehört er zu den Ehrenamtlichen, die hier Deutsch geben. Nach wie vor macht es ihm große Freude, Wissen zu vermitteln: „Das geht einem richtig zu Herzen, wenn die Teilnehmer sich nach dem Unterricht bedanken, die Hand aufs Herz legen und sich verneigen.“

Parastu ist eine seiner erfolgreichsten Schülerinnen. Die 22-Jährige kam mit ihrem Mann Sohrab und ihrem sechsjährigen Sohn. Parham heißt er. Das ist der persische Name für Abraham. Seit acht Wochen ist die junge Familie in Nottuln. Normalerweise ist der Aufenthalt hier kürzer. Ihr Partner musste für einige Zeit ins Krankenhaus, deshalb konnten sie länger bleiben. „Sie spricht schon gut deutsch“, lobt Hans Pohl die junge Afghanin, die in ihrer Heimat „nur“ Hausfrau war und jetzt schon für ihre Mitbewohner als Übersetzerin einspringt. „Wenn man dann wieder Abschied nehmen muss, gibt’s immer wieder Tränen“, gesteht der Pädagoge.

Abendbrot gibt’s ab 17.30 Uhr. Weißbrot, Frischwurst, Salami, Käse und verschiedene Aufstriche, die von den engagierten Helferinnen ausgegeben werden. Der große Eingangsbereich dient als Mensa. Die meisten Menschen, die hier zusammenkommen, kennen sich untereinander nicht. Beziehungsweise erst seit dem vergangenen Freitag, als hier drei Busse mit den 150 „Neuen“ ankamen.

An die vergangenen Schultage erinnern die Porträts der Geschwister Scholl, die ihren angestammten Platz bislang nicht verlassen mussten. Könnten sie miterleben, dass Menschen in einem Gebäude Zuflucht finden, das ihnen gewidmet ist, würde sie das sicherlich mit Stolz erfüllen. Schließlich waren sie im Nationalsozialismus aktiv, im Widerstand gegen Krieg und Diktatur.

Während die Erwachsenen, so scheint’s, sich zum Teil schwer tun, miteinander in Kontakt zu kommen, übernehmen die Kinder unbeschwert diesen Part. Da muss kein Bann gebrochen werden. Denn da gibt es gar keinen. Mit ihrem aufgeweckten Charme fordern sie Aufmerksamkeit. Ariana schreibt mir ihren Namen in den Notizblock. Und dann kommen sie alle, um sich dort zu verewigen: Saef, Mahjid, Hammid, Tabark und Abdul. Das bringt auch die Eltern, die die Szene aus der Distanz aufmerksam im Blick haben, zum Schmunzeln.

Mit dem Paket Einweg-Bettwäsche suche ich mein Nachtlager. Zusammen mit drei Frauen aus dem Irak, Syrien und Nigeria teile ich mir den Raum, in dem bis zu 20 Menschen übernachten können.

Glücklich schätzen darf sich zunächst jeder, der in dieser Herberge zusammen mit seiner Familie untergebracht ist. Das ist leider nicht selbstverständlich. Da hakt es oftmals noch im deutschen bürokratischen Apparat. Die 34-jährige Irakerin, die ihren Namen nicht erwähnt wissen möchte, hatte dieses Glück nicht. Die jüngere Schwester und der kleine Bruder sind in Iserlohn untergebracht. „Keine Ahnung, warum das so ist. Es ist nicht zu verstehen, dass Familienangehörige getrennte Aufenthaltsorte haben“, übersetzt der DRK-Mitarbeiter Ahmed El-Lahib. Seine Eltern kamen Ende der 80er-Jahre aus dem Libanon. Er ist hier geboren, machte eine Ausbildung, besitzt mittlerweile die deutsche Staatsangehörigkeit und übersetzt gerne.

Die Irakerin, die kein Kopftuch trägt, ist Opfer eines Bombenanschlags in Bagdad. „Ich war bewusstlos, mein Kiefer war gebrochen. Viele Wochen habe ich im Krankenhaus verbracht“, lässt sie übersetzen. „Wir mussten fliehen. Wir haben Morddrohungen bekommen.“

Die junge Irakerin hat sich mit ihrer syrischen Zimmergenossin, die Kopftuch trägt, gut angefreundet. 21 Tage dauerte ihre Flucht. „Beim ersten Mal ging das Boot auf dem Weg von der Türkei nach Griechenland kaputt“, übersetzt Ahmed. Ihr Mann lebt seit knapp zwei Jahren hier, bislang noch in Essen. Sie mag Deutschland, weil „die Menschenrechte hier gewahrt und die Menschen gut behandelt werden“. Beide Frauen erzählen sehr gefasst ihre Geschichte, beschreiben unterschiedliche Horrorszenarien, die Rebellen und Terroristen in ihren Heimatländern verursachten. Irgendwann gehen aber dann doch die Schleusen auf. Die Tränen geben eine kleine Ahnung von dem Trauma, das sich in ihrem „Rucksack“ befindet. „Erzählen heilt. Zuhören auch“, schrieb der Journalist Heribert Prantl unlängst so treffend. „Man nimmt den anderen dabei wahr. Als Mensch, nicht als Gefahr.“

Zack, und dann kommt Sara. Der kleine Engel erobert sich die Bühne und rettet den Moment. Der Wonneproppen aus Nigeria ist mit seinen knapp eineinhalb Jahren ein echter Sonnenschein. Es ist 23 Uhr. Die kleine Tanzmaus ist von Müdigkeit allerdings noch weit entfernt. Daran ändert sich auch in der nächsten Stunde nicht viel.

Die Syrerin legt sich in ihr Etagenbett. Ein Handtuch hat sie davor gespannt, für ein bisschen Privatsphäre. Das Kopftuch hat sie abgelegt. Sie korrespondiert mit ihrem Mann. Handy und freies W-Lan machen es möglich. Ihre irakische Freundin lacht, als sie wieder reinkommt, und hängt das Tuch wieder ab. Was sie dann sagt, verstehe ich zwar nicht, klingt aber wie: „Lass´ doch den Quatsch. Wir sind doch unter uns Frauen!“

Unten ist es mittlerweile ruhig geworden. Die jungen Marokkaner spielen noch Karten in der ehemaligen Bibliothek. Das Team von der Security ist 24 Stunden wachsam. Mitarbeiter des DRK sind auch immer da. Die guten Hirten sorgen dafür, dass die Atmosphäre entspannt und unaufgeregt ist. So bleibt es auch in der Nacht. Und auch am nächsten Morgen. Wer keinen Arzttermin oder Ähnliches hat, kann nur eines tun: Abwarten, frühstücken und anschließend das Angebot Deutschunterricht nutzen, bevor er sich der nächsten Etappe stellen muss.

Von der Notaufnahmeeinrichtung Nottuln geht es in etwa zwei Wochen weiter in eine Aufnahmeeinrichtung. Dort kann der Asylantrag gestellt werden. Der Antrag, mit dem die große Hoffnung verbunden ist, bleiben zu dürfen, um sich endlich wieder ein Zuhause und eine Zukunft aufbauen zu können. Heimat eben!

Von Ulla Wolanewitz

Pressebericht aus den Westfälischen Nachrichten vom 26.12.2015

27. Dezember 2015 13:22 Uhr. Alter: 2 Jahre