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Momente, die sich einbrennen

Pressebericht aus den Westfälischen Nachrichten vom 15. 07. 2012

Lüdinghausen
 

Momente, die sich einbrennen.

Michael Hofmann leitet die acht DRK-Rettungswachen im Kreis Coesfeld. In all seinen Jahren im Rettungseinsatz hat er schon viel erlebt, und nicht nur Negatives. Manches wird er nie vergessen.

Die Technik ist das eine. So ein voll ausgestatteter Rettungswagen, wie er auch in der Lüdinghauser Wache an der Selmer Straße steht, kann es in vielerlei Hinsicht mit der Notfallambulanz eines Krankenhauses aufnehmen. Ob Atemstillstand, Kammerflimmern, Schock oder schwere Traumata – der 140 000 Euro teure Wagen hält an medizinischer Technik alles vor, was zur Stabilisierung eines Patienten gebraucht wird. Doch das ist nur die eine Seite. Die andere ist – wie ihre Patienten – aus Fleisch und Blut. Wer sich entschlossen hat, seine Arbeit in Einsatzjacke- und Stiefeln des DRK-Rettungsdienstes zu leisten, tut das nicht einfach so. „Das ist nicht nur irgendein Beruf. Das kann man nur leisten, wenn man mit ganz viel Herzblut bei der Sache ist“, weiß Michael Hofmann.

Der Chef der acht DRK-Rettungswachen im Kreis Coesfeld will nicht das große Wort der „Berufung“ bemühen – aber nahe dran ist er. „Auch wenn man das schon so viele Jahre macht wie ich, hat man noch lange nicht alles erlebt.“ Jeder Einsatz sei nun mal anders. „Andere Menschen, andere Umstände – man weiß nie, was auf einen zukommt“, erklärt der 51-Jährige.

So wie damals, als er noch ganz neu im Geschäft war und zu einer Hochschwangeren gerufen wurde. „Wir haben die Frau nur noch bis zum Rettungswagen bringen können, dann ging es auch schon los.“ Glück im Unglück: Es war ihr drittes Kind und die Mutter die Ruhe in Person. „Wir haben im Prinzip nur daneben gestanden und voller Staunen zugeschaut“, weiß er noch wie heute.

Ganz anders, wenn der Rettungswagen zum Beispiel nach einem Gewaltverbrechen als erstes vor Ort eintrifft, noch vor der Polizei. „Dann steht man da, möchte reingehen und helfen, kann aber nicht einschätzen, wie gefährlich das für einen selbst werden könnte.“

Warten – das tun die Rettungsassistenten, -sanitäter und -helfer sonst eigentlich nur in der Wache, und das auch nur, wenn alle anderen Tätigkeiten erledigt sind. Einsätze müssen dokumentiert, die Ausrüstung, manchmal sogar der ganze Rettungswagen desinfiziert werden. „Gerade in den letzten Jahren haben wir es immer öfter mit Patienten mit multiresistenten Keimen zu tun“, erklärt Hofmann. Da sei Hygiene extrem wichtig.

Wenn dann der Gong zum nächsten Einsatz läutet, muss die Mannschaft in 90 Sekunden im Fahrzeug sitzen. Das hat dann schon sämtliche Einsatzdaten inklusive GPS-gesteuerter Navigation über die Leitstelle in Coesfeld erhalten. „Ein Riesenvorteil“, so Hofmann, „gerade wenn man in den Bauerschaften unterwegs ist.“

Doch trotz all der modernen Technik gibt es immer noch jene Momente, wo Hofmann und seine Kollegen aufgeben müssen, wo ein Leben einfach nicht mehr zu retten ist. „Ich erinnere mich an einen 42-jährigen Familienvater, der in seinem Wohnzimmer zusammen gebrochen war. Eine Stunde lang haben der Notarzt und ich alles versucht, um ihn wiederzubeleben, ihn zurückzuholen – wir haben es nicht geschafft.“ Währenddessen habe die schwangere Ehefrau mit einem Kleinkind direkt im Zimmer nebenan gewartet und gehofft. „Ihr dann diese furchtbare Nachricht überbringen zu müssen – das sind Momente, die brennen sich dir ein, die vergisst man nie.“

Grund, den Job an den Nagel zu hängen, waren solche Erlebnisse für Hofmann aber nie. „Dafür können wir in so vielen Fällen helfen. Bei schweren Verletzungen oder Erkrankungen rufen wir auch einige Tage später im jeweiligen Krankenhaus an und erkundigen uns.“ Wenn die Patienten durchkämen, sei das eine zusätzliche Motivation. Manchmal, allerdings sehr selten, melden sich auch ehemalige Patienten, bedanken sich. „Mal schickt jemand eine Karte, vor kurzem hat eine Mann sogar zwei Kisten Wein vorbei gebracht. Aber das ist die absolute Ausnahme.“ Enttäuscht seien er und sein Team deswegen aber nicht. „Wir können gut verstehen, dass viele Menschen an diese schlimme Erfahrung nicht erinnert werden wollen. Das ist schon okay so.“

Von Beate Nießen

8. August 2012 12:27 Uhr. Alter: 6 Jahre